DELMAR MAVIGNIER
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ART 

Chromokinetische Arbeiten 
und mediale Transformationen
Felix Jud – Punctum Chromokinetisch
Almir Mavignier & Delmar Mavignier
Picture

almir + delmar mavignier ​a collaboration across time

Mehr als fünfundzwanzig Jahre lang arbeitete ich eng mit meinem Vater, dem Künstler und Gestalter Almir Mavignier, zusammen. Im Zentrum dieser Zusammenarbeit stand die Realisierung von Plakaten und die Übertragung seiner Malerei in grafische und digitale Medien, wie zum Beispiel für das Projekt der Docugrafien. Dabei ging es nie um eine einfache Reproduktion. Jede Übertragung verlangte eine neue Entscheidung über Farbe, Struktur, Licht, Material und Wahrnehmung. Und diese Arbeit war auch eine Auseinandersetzung mit dem Thema Digitale Perfektion versus Organizität von Handgeführter Arbeit. 
Aus dieser langjährigen gemeinsamen Praxis entstand ein Prozess und Wissen, das nach Almirs Tod im Jahr 2018 nicht abgeschlossen war und in mir weiterwirkt. Seine visuellen Systeme – Punkte, Raster, Farbverläufe, Wiederholungen, kontrollierte Abweichungen und die Interaktion mit Licht und Schatten durch Relief, Punkte und Strukturen – enthalten Möglichkeiten und Algorithmen, die sich in neuen Medien weiterentwickeln und auf andere Systeme übertragen lassen. 

Diese Auseinandersetzung ist mein heutiges Erbe. Es verbindet mich zum einen mit dem Geist meines Vaters und eröffnet eine Auseinandersetzung mit einem heutigen Publikum. Ich verwende dafür verschiedene Medienformen:

chromoçinéticos

Zum 100 jährigen Jubiläum habe ich eine neue Serie von besonderen Drucken entwickelt, in denen ich basierend auf Originalkompositionen von Almir diese zusammen mit permutierten Variationen dieser Kompositionen auf eine optische Linse drucken lasse. In einem Bild sind zwischen 5-16 sogenannte Phasen und Variationen der Komposition enthalten. Wo möglich habe ich die Farben abgeleitet von den Farben der Komposition und diese zum Beispiel komplementär eingesetzt. Im Ergebnis entstehen aus alten Kompositionen völlig neue Bilder, die durch die Bewegung der Betrachter*in zu Farbinteraktionen führen. Daher der Titel Chromokinetische Arbeiten. Einerseits wirken diese Arbeit im Geist der 60er Jahre und präsentieren doch eine neue Wahrnehmung der Algorithmen und Gestaltungen Almir Mavigniers. Die Grundidee ist inspiriert von der Serie der "Permutationen" von 1961, in der er verschiedene Vordergrund und Hintergrundfarbkombinationen in allen kombinatorischen Möglichkeiten gedruckt hat. Eine wichtige Arbeit, die sowohl auf der Biennale in Venedig als auch auf der Documenta in Kassel gezeigt wurde.

Diese neuen (2025ff) Arbeiten können in der Dan Galeria Contemporary, São Paulo, São Paulo und in der Galerie Felix Jud, Hamburg besichtig und erworben werden.

teçidocinéticos

Eine neue Variation dieser Arbeit entstanden im August/26 sind Teçidocinéticos, in denen ich nicht auf eine Linse sondern auf transparenten Stoffen drucke, die in mehreren Ebenen hintereinander gehangen werden.

musical compositions

Almir Mavignier hat durch die Komposition von Punkten auf Rasterstrukturen in seinen Bildern, Zeit, Rhythmus, Percussion und einen Ausdruck geschaffen, der für mich eine deutliche musikalische Lesbarkeit hat. 

hector docx – "helix" (2020)

Für die große 16teilige Bilderserie Helix haben wir gemeinsam mit Hector Docx eine neue Komposition entwickelt - neue Musik, Piano, Violoncello, Klarinette. Almir hat diesen Prozess mit initiiert und begleitet.

janosch pangritz "permutationen" (2020-2026)

Jazzschlagzeuger Janosh Pangritz, hat die 48 graphischen Blätter permutationen aus dem Jahr 1961 in drei musikalische Jazzstücke übersetzt für die Instrumente Schlagzeug, Viola, Stimme und E-Guitar.

helena cruz, "punctum" (2026)
​composição ao vivo em cinco movimentos​

Und die jüngste Komposition wurde in Brasilien von der brasilianischen Bassistin, Komponistin und Klangkünstlerin Helena Cruz realisiert, die sehr frei und doch sehr genau die Komposition der Arbeit Punctum musikalisch übersetzt hat. Sie arbeitet mit Live Loops, in denen sie aus alltäglichen Gegenständen eine komplexe Komposition schafft. Ihr Konzert bildete die Finissage von unserer jüngsten Ausstellung in der Dan Galeria Contemporânea, die eine museale Repräsentation Mavigniers Werk realisiert hat zusammen mit meinen Chromokinetischen Arbeiten.
Weitere laufende musikalische Projekte werden von Nikita Kotliar und Isolée in Hamburg gerade realisiert für unsere Ausstellung in der Kunsthalle Weishaupt im November 2026. Anaïs Sylla arbeitet in Brasilien an einer Komposition für eine Ausstellung 2027 im Museum of Tomorrow in Rio de Janeiro.

dance performance & social algorithms

Laufende Projekte untersuchen, wie Mavigniers Kompositionen sich in Tanz und Performance umsetzen lassen und ob sich aus den Algorithmen, über die sich Almir Mavignier mit Licht, Schatten, Farbe, Struktur, These und Antithese auseinandergesetzt hat, ob sich diese Kompositionen auf soziale Kontexte und Themen übersetzen lassen. 
Luiz Guilherme Vergara
Carta a Mavignier (
2026)

curatorial exhibition conception

Durch das Jubiläum kam es zu einer Reihe von Ausstellungen
  • Bröhan Museum, Berlin 
  • Barlach Haus, Hamburg
  • Dan Galeria Contemporary, São Paulo
  • Felix Jud, Hamburg
  • Kunsthalle Weishaupt, Ulm (November 2026)
​
Im Verlauf dieser Ausstellungen habe ich die verschiedenen Erzählungen im Werk meines Vaters neu betrachtet und sie in zahlreichen Gesprächen mit Kurator*innen und einem neuen Publikum weiterentwickelt. Hier links ein Beispiel einer Eröffnungsveranstaltung in Brasilien mit Kurator Luiz Guilherme Vergara und Luiz Armando Bagolin. In der Zusammenarbeit mit Kuratoren und in meiner eigenen kuratorischen Begleitung und Planung der Ausstellungen wurde mir immer deutlicher, wie gegenwärtig die Fragen sind, die in dem Werk meines Vaters zugrunde liegen: das Verhältnis von System und Freiheit, Ordnung und Zufall, Farbe und Licht, Bild und Wahrnehmung.

Aus diesem Austausch entwickelte sich zugleich meine eigene künstlerische Arbeit weiter. Es entstanden chromokinetische Lentikulare, bewegte Bildräume, mehrschichtige Stoffarbeiten, Musik, Kompositionen und Filme. Historische Bildsysteme werden dabei nicht lediglich reproduziert. Sie werden in andere Medien, zeitliche Abläufe und räumliche Situationen übertragen.

Meine Aufgabe sehe ich deshalb nicht allein in der Bewahrung und Vermittlung des Werkes meines Vaters. Ich möchte eine Brücke schaffen, über die wir uns heute mit diesen Arbeiten und den in ihnen enthaltenen Fragen auseinandersetzen können. Eine solche Brücke verbindet verschiedene Generationen, Medien und Wahrnehmungsformen. Sie führt von der historischen Arbeit in die Gegenwart – und von dort in noch unbekannte zukünftige Formen.

Wie bereits im Umfeld der Neuen Tendenzen in den 1960er-Jahren soll diese Auseinandersetzung nicht ausschließlich intellektuell oder kunsthistorisch stattfinden. Sie soll unmittelbar über die Wahrnehmung erfahrbar werden: durch Licht und Farbe, Bewegung und Rhythmus, Klang, Material und die körperliche Präsenz der Betrachtenden.

Meine Arbeiten bewegen sich zwischen Kontinuität und Transformation. Sie bewahren die strukturelle Klarheit von Almir Mavigniers Werk und öffnen seine visuellen Systeme zugleich für die technischen, räumlichen und gesellschaftlichen Bedingungen der Gegenwart.

Die Zusammenarbeit reicht damit über unsere gemeinsame Vergangenheit hinaus. Sie wird zu einer fortdauernden künstlerischen Untersuchung:

Wie kann ein historisches Bildsystem in der Gegenwart neu erfahren werden – und welche zukünftigen Formen sind bereits in ihm angelegt?

Auf diesem Weg begleiten mich folgende wertvolle Menschen mit Ideen, Gesprächen Intuitionen, Anregungen und Rat:

Miriam Schoofs, Berlin
Luiz Guilherme Vergara, Níteroi
Luiz Armando Bagolin, São Paulo
Flavio Cohn, São Paulo
Annika Sprünker, Hamburg

Ob meine Arbeit mit dem Werk meines Vaters als eigene Künstlerische Arbeit gelten soll oder eine kuratorielle Arbeit ist, überlasse ich dem Rückblick aus der Zukunft. Für mich fühlt sich diese Arbeit so an, wie in den Jahren, in der ich mit Almir Mavignier zusammenarbeiten durfte und es hält mich im Dialog mit seinen Ideen, seinem Werk und seiner geistigen Person, die mich ein Leben lang mit Liebe und Großzügigkeit behandelt hat. 

Der folgende Dokumentarfilm von Lena Bodansky aus dem Jahr 1973 ist ein kleines Meisterwerk und fängt wichtige Themen und die eigene Art Almir Mavigniers ein, wie kein anderes Zeitdokument was ich kenne.
delmar mavignier
​[email protected]
+49 173 3088845
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